Corona in der Analyse

Eine rationale, zahlenbasierte Marktforscher-Sicht auf eine furchtbare Krise.

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Corona: Situation, Analyse und Perspektiven

Die aktuelle Corona Krise und die damit verbundene Datenlage stellt an Analysten ähnliche Anforderungen wie viele Marktforschungsprojekte. Es sollen basierend auf Daten möglichst optimale Entscheidungsgrundlagen geschaffen, bzw. unterschiedliche Entscheidungsoptionen beurteilt werden. Zu diesem Zweck sind einerseits das reine Daten- bzw. Zahlenmaterial und andererseits die relevanten Hintergrundinformationen zu untersuchen, um die Konsequenzen von Entscheidungen im Vorfeld beurteilen zu können.

Mit dem zeitlichen Fortschritt der Corona-Krise möchten wir an dieser Stelle verschiedene Fragen stellen und soweit möglich sinnvolle Antworten geben. Es ist uns wichtig, nicht nur das Zahlenmaterial darzustellen, wie man es überall im Internet findet, sondern dieses auch zu interpretieren.

Das Wichtigste vorab: Die Quellen für die von uns verwendeten Zahlen sind die Johns Hopkins Universität, Baltimore, USA, sowie die Websites Worldometer und Zeit Online.

 

Sind die Ziele in Deutschland eingehalten worden?

Angesichts der bisherigen Ziele bzgl. der Corona-Pandemie, zeichnet Deutschland bisher eine nahezu ideale Entwicklung.

Die Ziele:

  1. Die Infektionen und Todesfallzahlen reduzieren – „Flatten the Curve“
  2. Das Gesundheitssystem nicht überlasten

Die erste Graphik zeigt eindrucksvoll, dass die verfolgten Ziele bis dato erreicht wurden.

 

 

Der Kurvenverlauf zeigt verschiedene Besonderheiten. Zum einen reduziert sich der prozentuale Zuwachs schon vor den Kontaktbeschränkungen. Allerdings sind die Fallzahlen zu Beginn der Pandemie noch vergleichsweise gering gewesen, so dass gerade in der Anfangsphase hohe Zuwächse auch aus dem Tatbestand „kleiner Zahlen“ zu erwarten waren.

Zum anderen fällt die Plateaubildung der absoluten Zuwächse ca. 2 Wochen nach Schulschließung auf, also genau nach einem typischen Infektionsintervall. Eine Woche später beginnen die täglichen Neuinfektionen zu sinken. In der Summe zeigt sich, dass die beiden Maßnahmen Schulschließung und Kontaktbeschränkung zu funktionieren scheinen.

Aktuell befinden wir uns erneut in einer „Plateauphase“ seit Mitte Mai ist die Zahl der Neuinfizierten konstant unter 700. Tendenziell sinken die Zahlen allerdings nur noch minimal, wobei die Zahl der Neuinfektionen vor allem durch sogenannte Hotspots getrieben wird, die stringent kontrolliert werden müssen.

Die oben genannten Ziele sind somit erreicht: Das „Flatten the Curve“ hat funktioniert so wie auch das Gesundheitssystem zu keinem Zeitpunkt überlastet wurde.

Sehr plastisch zeigt dies die Entwicklung der Active Cases (Infizierte – (Genesene + Verstorbene)) in der folgenden Graphik.

Unser Fazit:

Nach erfolgreicher Umsetzung der ersten Ziele ist eine neue Zielorientierung notwendig und inzwischen auch definiert. Die niedrigen Neuinfektionen dürfen nicht erneut steigen. Lokale Infektionscluster müssen frühzeitig identifiziert und durch lokale Maßnahmen eingegrenzt werden. Vorbereitungen auf einen eventuellen „heißen Herbst“ sind zu treffen.

 

 

Steht Schweden so gut da?

Im Zuge der aktuellen Lockerungen wird häufig auf ein höheres Maß an Eigenverantwortung der Bevölkerung verwiesen bei gleichzeitig weniger restriktiven Maßnahmen durch die Behörden. In diesem Zusammenhang wird dann auf Schweden verwiesen, wo genau dieser Weg beschritten wurden. In der Folge wollen wir die Zahlen aus Schweden mit denen anderer Länder vergleichen, um zu prüfen wie erfolgreich der schwedische Sonderweg bisher ist.

 

In der relativen Perspektive zeichnet sich für Schweden ein wenig positives Bild. In Bezug auf die offiziellen Infektionen pro Einwohner hat Schweden Deutschland deutlich überholt und nähert sich dem Niveau von Italien.

Gleiches gilt für die Anzahl der Todesfälle pro Einwohner. Diese liegen in Schweden über dem Niveau in Deutschland und auch dem der USA.

Die möglichen positiven Effekte dieser Strategie sollten das schnelle Erreichen einer Herdenimmunität und ein geringerer Einbruch der Wirtschaftsleistung sein.

Antikörperuntersuchungen in Stockholm kommen auf Durchdringungswerte von unter 10%. Sie liegen damit unter den Berechnungen der Gesundheitsbehörde und ihres Chefepidemiologen Anders Tegnell, der weiterhin von einer Immunität von 20% + X ausgeht. (Quelle: Tagesspiegel vom 22.05.20). Bezüglich der Wirtschaftsleistung geht der IWF für Schweden von einem Rückgang von 7% aus, für Deutschland von 6,2%.

Unser Fazit:

Stand Heute ist in Deutschland die Situation bezüglich des Infektionsgeschehens besser. Eine Herdenimmunität erscheint auch in Schweden noch weit entfernt. Die Erhaltung der Wirtschaftskraft konnte in Schweden (noch) nicht erreicht werden. Fraglich ist ferner der Einfluss der schwedischen Strategie auf die Akzeptanz Schwedens als Tourismusziel in diesem Sommer.

 

Ist es wirklich so schlimm in den USA?

Die USA sind in Bezug auf Corona, die Rassismus Diskussion und durch Präsident Trump in den Medien sehr präsent. Die Stimmung in den USA wirkt zumindest von außen betrachtet aufgeheizt.  Hat dies Auswirkungen auf den Verlauf der Corona-Pandemie?

Auf den ersten Blick weisen die USA sehr hohe absolute Fallzahlen bzgl. der gemeldeten Infizierten auf.

 

Dies Bild zeigt, dass die nationalen Bemühungen auch dort den täglichen Anstieg gestoppt haben. Prozentual geht der Anstieg zurück, liegt aber aktuell immer noch bei über 1%. Die im Chart erkennbare Plateaubildung wurde erst sehr spät gestoppt. Zum Vergleich: In Deutschland wurde das Plateau bereits nach einer Woche in eine sinkende Kurve umgewandelt. In den USA gelingt dies erst nach einem Zeitraum von mehr als 6 Wochen.

Man muss bei den absoluten Werten berücksichtigen, dass die USA ca. 328 Millionen Einwohner haben, die Zahlen sind also mit denen von z.B. Deutschland nicht direkt vergleichbar. Wir haben daher so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa mit vergleichbarer Bevölkerungszahl und ähnlicher „westlich geprägter Struktur“ erschaffen. Dazu haben wir die Fallzahlen von Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland zusammengefasst. Die ausgewählten Länder kommen in der Summe auf eine Einwohnerzahl von ca. 322 Millionen Einwohner, also eine mit den USA nahezu identische Größe.

 

Auf den ersten Blick fällt eine deutliche Diskrepanz in den Daten auf: Die USA haben deutlich mehr offiziell Infizierte als die von uns zusammengefassten 5 europäischen Staaten, gleichzeitig aber weniger Todesfälle. Mögliche Erklärungsursachen können dafür die folgenden Thesen sein:

  • Die Anzahl der durchgeführten Covid19 Tests ist in den USA wesentlich höher. Vergleicht man dazu aber Zahlen verschiedener Quellen, ist dies nicht der Fall.
  • Die Anzahl der Covid19 zugeordneten Todesfälle in den USA ist geringer als in den EU Ländern. Als Konsequenz könnte sich zu einem späteren Zeitpunkt ergeben, dass die sogenannte Übersterblichkeit in den USA unerwartet hoch ausfällt.
  • Die medizinische Betreuung ist in den USA erfolgreicher, was angesichts einer wahrscheinlich ähnlichen medizinischen Kompetenz eher unwahrscheinlich ist.
  • Das Virus ist ggü. Europa leicht mutiert und weniger gefährlich. Auch diese These ist lt. Angaben verschiedener Virologen eher zu verwerfen.
  • Die Menschen in den USA sind weniger anfällig für das Virus. Auch diese These ist zu verwerfen, insbesondere angesichts des besonders hohen Anteils adipöser Personen (BMI <30) in den USA (33% lt. Wikipedia. Zum Vergleich: ca. 20-25% Anteil in den ausgewählten europäischen Ländern).
  • Der Anteil älterer Personen ist in den USA geringer. Das trifft in gewissen Grenzen zu. Laut offizieller Daten zur Altersstruktur ist der Anteil Personen in den USA ab 65 Jahren ca. 2 bis 4% Punkte niedriger als in den EU-Ländern. Dieser Unterschied ist aber auch nicht groß genug, um die gezeigte Diskrepanz zwischen Infizierten- und Todeszahlen zu erklären.

FAZIT:

Die eher negativ geprägte Corona-Berichterstattung über die USA ist stärker von absoluten Zahlen und weniger von relativen Vergleichen geprägt. Ein regelrechtes Versagen der Regierung im Umgang mit der Pandemie lässt sich mit den Zahlen nicht stützen. Betrachtet man die gemeldeten Todesfälle steht die USA sogar besser da. Allerdings ist eine späterere Anhebung der auf Covid 19 zurückgeführten Todesfälle durch z.B. andere Messmethoden (Stichwort: Übersterblichkeit) wahrscheinlich. Sollten die hohen Testzahlen prozentual gesehen zu ähnlich vielen Todesfällen führen wie in den EU-Ländern, wäre die Situation in den USA in der Tat schlechter. Ferner lässt der aktuelle Kurvenverlauf einen stärkeren Anstieg der zukünftigen Zahlen in den USA erwarten.

 

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